Minilöwen Förderverein für Frühgeborene und kranke Neugeborene e.V.
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Bericht der Schutzengel von Erik und Marek

Teambesprechung der Schutzengel

Wie wir es meist hielten, saßen wir Reservisten unter der Sykomore, unserem üblichen Treffpunkt, und warteten auf den nächsten Einsatz. Endlich kam Engel Michael, der Chef für die Neugeborenen-Sektion, und kündete:

 

"In Leipzig steht was an! Anne vom Goldsternchen ist erst im 6. Schwangerschafts-Monat und sie weiß noch nicht, dass arge Komplikationen im Anmarsch sind.  Sieht gefährlich nach einer Totgeburt ihrer Zwillinge aus! Zwei von euch sollten jetzt schon auf Schutzengel-Mission gehen und den beiden Ungeborenen beistehen.  - Ich rufe mal die Beschützer der Eltern, was die uns berichten können."

 

Statt der Engel zweien rauscht gleich ein halbes Dutzend daher. - "Wo kommt ihr denn alle her? Gibt's eine Vollversammlung?", staunte Michael. "Nein, wir sind die Freunde des Engels von Rainer. Rainer zu schützen, macht Freude; er ist fast immer gut drauf und dankbar für unser Sein. Wer von euch den Job jetzt übernimmt, seine Kinder zu begleiten, kann froh sein, eine so schöne Aufgabe zu erhalten."

 

Die Aufgabe, Engel von Marek und Engel von Erik zu werden, bekamen zum Glück wir beide. Michael schnallte uns die Flügel um  - und schon ging's los in das Abenteuer auf Erden.

Die Vorgeschichte

Zuerst hörten wir uns an, was bisher geschehen war: Mit  Rainers & Annes Entscheidung zur künstlichen Befruchtung hatte für beide Schutzengel Hochbetrieb begonnen. Darüber hinaus Rainers Wunsch nach Zwillingen zu erfüllen, das war schon mehr als eine Herausforderung. Die beiden Engel hatten es geschafft, Annes Körper so zu stärken, dass es ihr gelang, eine Eizelle in sich aufzunehmen und zu nähren. Es jedoch gleich Zwillinge werden zu lassen, das vermochten die beiden Schutzengel dann doch nicht. - So jedenfalls zeigten es die Ultraschall-Bilder. Daraufhin zogen die Freunde von Rainers Schutzengel gemeinsam zu Fortuna, der launigen Dame im weißen Zirrenkleid. Aber sie kamen nicht durch, weil es dort gerade Zickenalarm gab. Kurzerhand wendeten sie sich an den Chef persönlich, flattern ihm um den Bart und warben für die Wunscherfüllung des Schützlings. "Na, mal schauen, was sich machen lässt ...", dämpften seine Worte. Aber das Zwinkern in seinen Augen verriet den Bittstellern seine Bereitschaft zu einem kleinen Wunder. Die Engel jubelten, flatterten zurück zur Sykomore und berichteten Annes Engel. 

 

Bei der nächsten Reihenuntersuchung von Anne äugte der Club der Engel durchs Fenster, um die erste perplexe Überraschung von Anne mitzuerleben: Zauberhand bewirkte, dass auf dem Ultraschallbild Zwillinge zu sehen waren! "Toll gemacht, Lieber Chef!" - Rainers Engel feixte und rieb sich die Flügel; er war auch früher schon der Schlingel unter den Schützern gewesen. Annes Engel hingegen war still, denn er sah ihre große Sorge, bei Zwillingen würden ihre Kräfte und Möglichkeiten womöglich versagen. Zugleich wusste er, dass Anne überglücklich werden könnte mit den zwei Kindern. – Auch Schutzengel können bisweilen in der Zwickmühle sein. Zwickmühle hin, Zwickmühle her, der Chef hat Fakten geschaffen und damit den höchsten Segen erteilt.

Die Story

Wir Engel von Marek und Erik, gemeinsam mit Annes & Rainers Engeltrupp taten unser Bestes für das Gedeihen der Kinder. Das war auch nicht sonderlich schwer, denn die beiden werdenden Eltern freuten sich so auf ihre Kinder. Ein gefährlicher Graben allerdings war für Eltern und Zwillinge noch zu queren.

 

Es waren nur noch Stunden, unbemerkt hatte sich bei Anne der Muttermund fast vollständig geöffnet und sie war kurz vor der Sturzgeburt, die die Zwillinge nicht überlebt hätten. Anne ahnte davon nichts, und wir beide sahen keine Möglichkeit einzugreifen, damit die Kinder möglichst lange im Bauch der Mutter bleiben könnten. Das zu erreichen war eher etwas für den erprobten Schutzengel von Anne, der auch wirklich einen Rettungsweg fand: Bei der gerade an diesem Tag anstehenden Routineuntersuchung in der Uniklinik sollte nur ein Ultraschall der Baby-Herzen gemacht werden. Ein Check des Muttermundes stand nicht auf dem Plan. So musste Annes Beschützer der behandelnden Ärztin eingeben, doch mal nach diesem zu sehen.

 

Als die Ärztin also nachschaute und dadurch entdeckte, welch große Gefahr hier im Verzug war, nahm sich dies für Anne wie eine Katastrophe aus. In Wirklichkeit aber war es der große Segen! Denn jetzt war die Chance für die Menschen und die Medizin gegeben zu handeln. Wir Schutzengel können ja nur anschieben. Tun muss der Mensch alleine; nur ausnahmsweise, dass der Chef das einmal persönlich übernimmt.

 

Die Ärztin ein bisschen anzustubsen - mehr bedarf es nicht. Alles Weitere, die tödliche Geburt zu verhindern,  übernahmen die Menschen in der Klinik mit einer Not-Operation. Annes Engel konnte ganz entspannt daneben stehen. In den folgenden zwei Wochen musste Anne Schmerzen dulden, den ganzen Tag still liegen, war gefordert, zuversichtlich zu bleiben; Annes Schützer saß die ganze Zeit neben ihr, hielt die Hand der Seele, ließ Kraft fließen. Anne war tapfer, Anne bewahrte die Zuversicht aus dieser Kraft heraus ...

 

Zu ihrem Glück wusste sie nicht von der zweiten Todes-Gefahr: Ein Infekt war dabei, unsere Schützlinge anzugreifen, und Annes Körper würde erneut gleich die Sturzgeburt einleiten und die Zwillinge abstoßen. Denn eine Entzündung durfte nicht im Körper bleiben. Und so passierte es: Anne bekam starke Wehen, rief die wachhabende Ärztin. Marek und Erik wurden in einer Not-OP auf die Welt geholt.

Im Bauch der Klinik

Zwei Not-OPs in zwei Wochen. Was sich für die Menschen wie Unglück ausnimmt, war für die Kinder in Wirklichkeit die Rettung.

 

Marek und Erik zogen ein in zwei gläserne wärmende Boote mit Bullaugen, von den Menschen Inkubator genannt. Dort schliefen sie in einem Nest aus weichen Tüchern. Die ehemalige Nabelschnur in Annes Bauch wurde ersetzt durch zwei künstliche Schläuche – für Luft und Milch. Ein Team an Ärzten und Schwestern wachte über die beiden und die anderen Kinder, die zu früh aus dem Bauch ihrer Mamas gepurzelt waren. Anne und Rainer gaben wir eine große Portion Ruhe und Glauben, den Rest machten sie selber – Tag für Tag zu ihren Kindern kommen und für sie da sein. Bis große, schöne Babys aus ihnen geworden waren und sie zu ihren Eltern nach Hause kommen konnten.

 

Soviel wir Schutzengel auch bewirken können, es bleiben immer nur kleine Schicksalskorrekturen, die die Menschen zum Teil auch selber machen können ...  mit der nötigen Einsicht. Ganz wichtige Weichen stellt die Sektion Fortuna mit ihrer launischen Chefin. Für unsere beiden Schützlinge hat Fortuna das denkbar beste aller Schicksale ausgesucht: Sie sind in die Zeit hineingeboren, in der die Menschen das Wissen, Medizin und Geräte haben, schlimmste Gesundheitsdefekte zu heilen; sie sind in dem Land geboren, in dem die Menschen bereit sind, diese Fähigkeit jedem Mitmenschen zugute kommen zu lassen - keine Selbstverständlichkeit unter den Erdenbürgern. Und sie sind in einer Klinik zur Welt gekommen, in der in allen Schwestern und Ärzten ein guter Geist, Fürsorglichkeit und Liebe wohnen.

 

Unsere Beiden sind also sozusagen mit Blaulicht in die Welt gekommen: Aus dem Bauch der Mama in den Bauch der Klinik – hier waren sie so gut aufgehoben, wie auf Erden überhaupt nur möglich. Deswegen konnten wir getrost entspannen: Hier waren wir mit den menschlichen Engeln wie Schwester Ute und Zauberhand Simone unter Gleichen.

Anne & Rainer sagen: Danke, liebe Schutzengel!